• Sandra Hoffmann

Schwimmen

Aktualisiert: Nov 6

Die Autorin Sandra Hoffmann über die Milchigkeit von Seen und andere Angstmöglichkeiten, die ihr beim Schwimmen begegnen


Meine Großmutter kann nicht schwimmen, auch meine Mutter kann nicht schwimmen. Als wir Kinder waren, stand meine Mutter mit uns im Schwimmbad im Nichtschwimmerbecken und, während wir ziemlich wild übten, machte meine Mutter drei oder vier Schwimmzüge, manchmal ein paar mehr. Sie hatte Angst vor dem tiefen Wasser. Schon meine Großmutter hatte Angst vor dem tiefen Wasser. Angst ist vererblich. Da bin ich mir sicher. Wenn eine Angst sich einmal in die Familie eingenistet hat, geht sie nicht mehr hinaus. Ich glaube aber, dass Angst sich eher linear verhält. Frauen geben die Angst an Frauen weiter. Männer die Regeln an Männer. Sei stark, weine nicht. Jedenfalls war das so, als ich und mein Bruder klein waren. Mein Bruder kann schwimmen, seine besondere Stärke ist das jedoch nicht. Soweit ich weiß. Aber Angst hat er keine.



Der Barmsee mit Blick auf das Karwendelgebirge

Ich kann sehr gut schwimmen. Ich kann sogar sehr weit schwimmen. Ich überquere gerne Seen. Ich liebe es, auf der einen Seite am Ufer zu stehen, hinüberzuschauen auf die andere Seite, und zu denken, da komme ich an, wenn ich einfach Zug um Zug mache, es wird zwar eine Weile dauern, aber ich werde das schaffen. Dann schwimme ich los. An einer Schnur binde ich mir einen aufgeblasenen Schwimmreif an den Oberarm, so dass er hinter mir herschwimmen kann. So sehen mich Schiffe, aber auch alle Menschen am See sehen, da schwimmt jemand. Das gibt mir Sicherheit. Sollte ich einen Krampf im Fuß bekommen, wäre da eine Rettungsinsel an mich angebunden, sie geht mir nicht verloren.

Dennoch erfordert das Schwimmen in Seen die größte Nichtangst. Oder wenigstens die zweitgrößte. Wahrscheinlich ist das Schwimmen im Meer noch einmal eine ganz andere Sache mit ganz anderen Angstmöglichkeiten. Die Herausforderung beim Seeschwimmen ist die Dunkelheit des Sees, die Milchigkeit des Sees, seine Undurchschaubarkeit. Den wenigsten Seen kann man auf den Grund schauen. Auf dem Grund aber leben diese Fische, von denen die Angler erzählen, oder ihre Legenden. Waller, so groß wie Haifische oder wenigstens fast, Karpfen, Welse, die die Füße der Menschen nicht von kleineren Fischen unterscheiden können und in sie hineinbeißen. Seeungeheuer, wie Nessi. Auch Blutegel leben in solchen Seen, denen man nicht auf den Grund gehen kann. Jedenfalls nicht mit bloßem Auge. Ich liebe das Schwimmen im See, weil es jeden Tag anders ist. Die Windrichtungen wechseln, die Windstärke und deshalb auch die Stärke der Wellen, die Unruhe der Wasseroberfläche und woher die Strömung kommt. Im Frühling, wenn das Wasser noch nicht so warm ist, oder im Herbst, wenn es nach kühlen Nächten an Temperatur verliert, ist es unmöglich, den See zu überqueren, ohne dabei einen Neoprenanzug zu tragen.

Mein Lieblingssee ist an der Überquerungsstelle einskommafünf Kilometer breit. Wenn man hin-und zurückschwimmt, schwimmt man drei Kilometer. Je nachdem, auf welcher Seite man losschwimmt, sieht man auf dem Hin- oder Rückweg eine kleine Kirche in einem kleinen Dorf nahe beim See oben am Hang und dahinter die Berge. Kampenwand, Wilder Kaiser. Kann auch sein, den Wilden Kaiser sieht man da nicht. Ich kenne mich besser aus mit dem Schwimmen als mit den Bergen. Wenn man in die andere Richtung schwimmt, sieht man eine Badestelle und eine Badeinsel im Wasser, einen kleinen Segelhafen und Häuser von ein paar wenigen Menschen, die das Glück haben, jeden Morgen in diesem See schwimmen zu können. Ich beneide sie ein bisschen.



Kindheitserinnerung in Rot

Als ich zehn oder elf Jahre alt war und noch mäßig gut schwimmen konnte, trafen wir eines Tages im Schwimmbad Frau P. Frau P. war eine gerade pensionierte Arbeitskollegin meines Vaters und wir entdeckten sie dabei, wie sie Bahn für Bahn durch das blaue Schwimmbadbecken zog. Fünfzig Meter in die eine und fünfzig Meter in die andere Richtung. Keine Ahnung wie es geschah, dass Frau P. sagte: Willst Du mit mir Bahnen schwimmen? Ich erinnere mich nur daran, wie tief ich im Wasser lag in den ersten Tagen, wie anstrengend es war, meinen Kopf darüber zu halten, gleichmäßig zu atmen, gleichmäßig die Arme auszustrecken, sie einen großen Bogen machen zu lassen, um sie dann wieder anzuziehen. Wie schwierig es war, dass meine beiden Beine dieselbe Bewegung machten, weil das eine Bein immer sehr gerne eine eigene Bewegung machen wollte. Das mit dem Bein ist bis heute so. Ich erinnere mich an die beruhigende Stimme von Frau P., also quasi an die Yogastimme von Frau P., die in großer Ruhe neben mir herschwamm, so, dass ich dachte: So eine Frau möchte ich auch einmal werden! Frau P. war zwar alt für mich als noch sehr junges Mädchen, aber nicht zu alt, um eine sehr gute Schwimmerin zu sein. Ich erinnere mich nicht, wie viele Tage, wie viele Wochen ich mit Frau P. im Schwimmbad schwamm, hin und her und unermüdlich. Ich erinnere mich daran, wie die Anstrengung nachließ, meine Arme und Beine die Bewegungen für gewöhnlich hielten, mein Nacken nicht mehr wehtat, mein Körper auf dem Wasser lag wie ein gutlaufendes Boot. Frau P. wurde meine Trainerin.

Zuerst trainierten wir für das bronzene Schwimmabzeichen, wofür man eine Viertelstunde schwimmen und ein paar weitere Leistungen vollbringen musste. Frau P. stand am Beckenrand und feuerte mich an. Da trug ich bereits einen Schwimmbadeanzug, auf den das Schwimmabzeichen schließlich gebügelt wurde. Ich erinnere mich, dass ich ziemlich angefixt war und ich glaube, Frau P. war das auch. Zusammen gelangten Frau P. und ich zum silbernen Schwimmabzeichen und natürlich auch zum goldenen. Für das goldene Schwimmabzeichen musste man achthundert Meter in einer halben Stunde schwimmen und weitere Bedingungen erfüllen. Alle Schwimmabzeichen kamen auf den Badeanzug. Der Badeanzug war also eine Trophäe. Von heute aus erscheinen mir diese Abzeichen leicht machbar. Damals war es der erste große Etappensieg auf dem Weg zu der Frau, die ich werden wollte. Eine ohne Angst vor tiefem Wasser, eine, die Bahnen schwimmt.


Sprung in die Tiefe: Holzsteg am Geroldsee


Heute denke ich, Schwimmen ist so ein bisschen wie Laufen, nur dass die Arme die Hauptarbeit machen. Auch beim Laufen habe ich die Bahn verlassen, ich mag es, durch den Park zu laufen, den Enten und Vögeln zuzuschauen, zuzuhören, den Hunden und ihren Frauchen und Herrchen. Ich mag es, wenn die Wege leerer werden, wenn der Park sich in Natur verwandelt und ich in die Weite schauen kann.

Im Sommer, wenn es warm ist, schwimme ich manchmal in der Isar. Ich schwimme dann gegen den Strom, weil man mit dem Strom nicht schwimmen kann: man wird getrieben. Beim Schwimmen gegen den Strom muss ich mich sehr anstrengen, die Strömung ist stark und nimmt mich sofort mit, wenn ich die Schwimmbewegungen nicht mit ganzer Aufmerksamkeit ausführe. Ich lege mich also in die Strömung und beginne sofort, kraftvolle Bewegungen zu machen, eine, zwei, hundert. Das Wasser ist ziemlich kalt und das Schwimmen darin ist anstrengender als im See, aber sehr, sehr schön. Nach etwa hundert Schwimmzügen bin ich schon wenigstens drei Meter rückwärts getrieben worden, aber das macht nichts. Ich schwimme weiter. Ich schaue auf das schöne Gebäude des Müllerschen Volksbads und als Ansporn sage ich mir, dass ich es nicht aus den Augen verlieren möchte. Ich weiß, dass das nicht klappen wird, aber das macht nichts. Ich schwimme so lange, bis ich es aus den Augen verloren habe. Dann steige ich aus dem Fluss und immer denke ich dabei, was mir fehlen würde, wenn ich nicht so gut schwimmen könnte! Ich würde diesen Gedanken gerne vererben.



Sandra Hoffmann lebt als freie Schriftstellerin in München. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben und arbeitet für den Hörfunk und Die Zeit. Ihre Geschichte ist eine von mehr als 200 persönlichen Schwimmgeschichten, die Dagmar Müller gesammelt und im August 2020 im Jan Thorbecke Verlag herausgegeben hat. Vielen Dank an die Autorin und den Verlag, den Beitrag hier veröffentlichen zu dürfen.


Fotocredits: Buchcover © Jan Thorbecke Verlag; Porträt Sandra Hoffmann © Peter Hassiepen; © Anette Frisch