• Anette Frisch

Randmeer des Atlantischen Ozeans

Mein Badegast Dagmar Müller liebt die große, graue, weite Nordsee. Und sie hat eine Mission: Alle Kinder sollen sicher schwimmen können.


Dagmar Müller beim Rückenschwimmen in der Nordsee.
Dagmar Müller und ihre Nordsee. © Gerd Müller

"Ich bin ein Draußen-Mensch und schwimme am liebsten unter freiem Himmel. Ich wurde in Wilhelmshaven geboren, deshalb liebe ich die Nordsee. Mit ihren phantastischen Wolkenbildern, einer Luft, die nach Salz schmeckt und einem Wind, der kühlt und manchmal atemlos macht.


Mittlerweile ist das Freibad Tübingen meine Schwimmheimat geworden. Hier trainiere ich so oft es geht. Aber nicht um Medaillen zu gewinnen, sondern um gesund zu bleiben. Mein selbst gesetztes Ziel sind 20 Bahnen, über die ich nicht mit mir verhandle. Es ist eine Zeit, in der ich abtauche und versuche, Ärgernisse zu verarbeiten und ruhiger zu werden. Oft kommen in dieser Phase der Ruhe mit mir ganz allein hilfreiche Gedanken, die Probleme in ihrer Wichtigkeit abschmelzen.


Als Jugendliche war ich in der DLRG. Nach dem Abitur habe ich das Schwimmen als Ausgleich noch eine Weile fortgesetzt. Mit dem Beruf folgten viele Jahre gelegentlichen Schwimmens. Mit dem Ende meiner Berufszeit als Managerin bei IBM habe ich ein lebenslanges Ziel in Angriff genommen, mich für Kinder zu engagieren, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ich bin Mitglied am „Runden Tisch Kinderarmut“ in Tübingen und erfuhr, dass viele Kinder aus Familien mit wenig Geld weder Zugang zu Schwimmbädern noch zum Schwimmunterricht haben. Das wollte ich ändern.



Tief Luft holen und wieder abtauchen. Der Gleichklang des Schwimmens. © Gerd Müller

Das Freibad Tübingen ist mittlerweile der wichtigste Ort meiner ehrenamtlichen Arbeit im Verein Schwimmen für alle Kinder geworden. Wir bieten Kindern und Jugendlichen, deren Familien geflüchtet sind oder wenig finanzielle Mittel besitzen, eine kostenfreie Ausbildung bis zur Schwimmsicherheit. In Gruppen Gleichaltriger macht Lernen Spaß. Es erfüllt Kinder mit Stolz, wenn die erste Bahn aus eigener Kraft geschafft ist. Und sie werden selbstbewusster.


Ich kenne einige Kinder, die in der Schule besser wurden, nachdem sie das Seepferdchen gemacht hatten.

Schwimmen zu lernen bedeutet nicht nur im Wasser überleben zu können. Es fördert das gesellschaftliche Miteinander und ermöglicht Integration auf vielfältige Weise. Wenn man so will ist meine Liebe zum Schwimmen heute eng mit meiner ehrenamtlichen Arbeit verbunden. Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben, ihr Leben zu retten, ihre Traumata zu überwinden, selbstbewusster zu werden und etwas zu leisten, was sie sich vorher nicht vorstellen konnten – das macht mich glücklich.



Sie will ein Fisch im Wasser sein, im flaschengrünen tiefen See...© Gerd Müller

Aus meiner Projektarbeit ist das Buch „Meine Schwimmgeschichte“ entstanden. Es ermutigt jung und alt, schwimmen zu lernen und schwimmen zu lehren. Kurz, sich einzubringen, dass die Schwimmsicherheit in Deutschland einen bedeutenden Stellenwert bekommt. Denn schwimmen zu können heißt nicht nur, überleben zu können. Schwimmen zu können bedeutet soziale Teilhabe, fördert die Persönlichkeit und lässt Freundschaften entstehen. Über den Beckenrand hinaus ..."





Der Verein Schwimmen für alle Kinder ist 2015 auf Initiative von Dagmar Müller entstanden. Der Verein wird vom Förderverein Bündnis für Familie Tübingen, der DLRG und Spenden unterstützt. Das Mut-Mach-Buch „Meine Schwimmgeschichte“ ist im Verlag Thorbecke erschienen und kostet 20 Euro.