• Anette Frisch

Das Freibad ist das nächste Meer

In Nordrhein-Westfalen hat vor einer Woche die Freibad-Saison begonnen. Perfektes Timing, um mit der Fotografin Andrea Altemüller über ihre wunderbare Serie "Swimming Pools" zu sprechen.



Ein Pool auf dem Dach eines Hotels in Sap Paulo. Im Hintergrund sieht man die Skyline der Metropole. Die Kacheln des Pools sind rostrot.
pool_41, Hotel Pool, São Paulo, Brazil 2006 © Andrea Altemueller

Bahnenziehen: Im Vorgespräch sagtest du, dass alles, was du machst, mit dir persönlich zu tun habe. Was also hat die Pool-Serie mit dir zu tun?

Andrea Altemüller: Ich bin in Stuttgart aufgewachsen und hatte schon immer eine tiefe Sehnsucht nach dem Meer. Für mich als Kind war das Freibad damals das nächste Meer. Wenn ich im Wasser war, hat man mich nicht mehr rausgekriegt und wenn wir mit der Familie am Meer Urlaub machten, war ich einfach nur glücklich.


Und diese Liebe hast du mit dem Fotografieren von Swimmingpools kompensiert?

Bei mir ist es so, dass ich Themen nicht suche oder plane. Sie kommen zu mir, sie arbeiten in mir und irgendwann sind sie reif und dann entsteht das erste Bild. Und dann träume ich viel.


Du hast von Freibädern geträumt?

So ungefähr. Bevor ich mit der Swimming-Pool-Serie startete, habe ich die Jahre davor ständig von Wasser geträumt. Von Spaziergängen am Meer, vom Schwimmen darin, auch von Tsunamis. Ich studierte damals in Wien und habe in dieser Zeit Schwimmbäder, damals noch mit Menschen, fotografiert. Das wurde aufgrund von Persönlichkeitsrechten aber immer komplizierter. Und so entschied ich mich für die Aufnahme menschenleerer Bäder. Ich finde diese Welt einfach faszinierend.




Man sieht durch ein Blätterwerk einen schmalen privaten Pool, der sich am Starnberger See befindet.
pool_50, private pool, Lake Starnberg, Germany 2006 © Andrea Altemueller

Was gefällt dir?

Das Quietschige, die Farben, das Lebendige. Während meines Studiums in Wien machte ich eine Reportage über das Gänsehäuflbad, ein mehr als 100 Jahre altes Badehaus. Da gibt es sogenannte Kabanen. Das ist eine Art Schrebergartenhäuschen, die man die Saison über pachten und darin sogar übernachten kann. Der Kitsch dort war überwältigend und das skurrile Ambiente, zusammen mit den Menschen, waren für mich sehr inspirierend. Manche Schwimmbäder sind für mich auch so etwas wie Theaterkulissen. Und manche sind grafisch einfach wunderschön. Die Kacheln, die Linien, die Strukturen, die Farben - einfach genial!


Du bist deinem Thema vier Jahre lang treu geblieben.

Genau. Ich habe mich 2003 entschieden, daraus eine Serie zu machen, habe überall auf der Welt Bäder recherchiert und mir die ausgesucht, die ich interessant fand. Eine meiner ersten Stationen führte mich nach Zürich, ins Bad Utoquai und ins Frauenbad Stadthausquai. Die Bäder sind aus den 50er-Jahren, teilweise aus den 20er-Jahren, man wird durch die Architektur in vergangene Zeiten geführt – herrlich! Bei bestimmten Bildern, zum Beispiel von einer Umkleide im Bad Utoquai, bekomme ich den typischen Chlorgeruch in die Nase oder kann das Kindergeschrei hören. So, als hätte ich die Töne, den Duft und die Stimmung während meiner Aufenthalte dort verinnerlicht. Die Serie habe ich sehr gut verkauft. Ich glaube, dass hat auch damit zu tun, dass Bäder bei vielen Menschen schöne Erinnerungen an die Kindheit wachrufen.



Hinter Gittern sieht man einen Liegestuhl auf dem Grund eines Münchner Freibads vor blauen Fließen. Das Becken ist ohne Wasser.
pool_02, public pool, Munich, Germany, 2004 © Andrea Altemueller

Das denke ich auch. Für mich sind vor allem Freibäder mit einem Gefühl von Unbeschwertheit verbunden.

So war es für mich auch. Aber ich finde eben auch das Quietschige toll. Die Schwimmreifen, die Plastiktierchen, dann wieder diese Reinheit der Farben, die Blautöne. Wenn ein Glitzern entsteht, je nachdem wie die Sonne aufs Wasser fällt, das ist doch wie Zauber.


Du hast deine Poolserie 2007 beendet. Hat dich das Thema irgendwann gelangweilt?

Nein, überhaupt nicht. Aber so wie Themen zu mir kommen, lösen sie sich auch irgendwann auf. Ich hatte 2006 einen Pool in Italien fotografiert, hinter dem sich das Meer erstreckte. Damit löste sozusagen die unendliche Weite des Meeres den begrenzten Raum des Pools ab. Die Verbindung von Meer und Pool habe ich nochmal in São Paulo aufgegriffen und irgendwann gemerkt, dass die Swimmingpools damit für mich abgeschlossen waren. Mit einem fließenden Übergang entstanden daraufhin die Serien "in space & time" und "horizons". Meereslandschaften, bei denen es um Vergänglichkeit und Unendlichkeit geht. Diese Serien werde ich bis zum Ende meines Lebens fortführen, an außergewöhnlichen Stränden dieser Welt.


Der Ausschnitt eines Hotelpools in Italien, der direkt am Meer liegt. Man sieht über die Wasserfläche hinaus auf den Horizont des Meeres.
pool_40, hotel pools, italy 2006 © Andrea Altemueller

Wie ist es heute für dich, wenn du ein tolles Freibad entdeckst?

Dann kann ich natürlich nicht einfach vorbeigehen, das geht nicht. Ich mache dann Bilder, aber eher für mich persönlich und nicht als Fortführung der Serie. Rupa Publishing hat 2007 das Buch "Swimming Pools" herausgegeben und begleitend dazu hatte ich eine größere Ausstellung in München. Die Menschen waren sehr begeistert und ich hatte großes Glück, da fast alle ausgestellten Fotos verkauft wurden. Es gibt noch einige Bilder, da es limitierte Editionen sind.


Was motiviert Menschen, sich das Foto eines Swimmingspools aufzuhängen?

Wir kommen ja praktisch aus dem Wasser, aus dem Mutterbauch. Das ist ein Ur-Instinkt, eine tief liegende Sehnsucht. Und ich denke, dass es damit zu tun hat. Bill Kouwenhoven hat es in meinem Buch so formuliert: ‚Das Schwimmbad im Kleinen ist das Meer im Großen. Es steht für die Sehnsucht selbst, grenzenlos wie der Ozean.’ Ich finde, das trifft es sehr gut.




Das Foto zeigt Andrea Altemüller. Sie lacht und trägt eine Badekappe aus den 1970er-Jahren, außerdem hält sie ein Bier in der Hand. Das Foto ist auf einem Fotofestival in Baden/Wien entstanden.
Andrea mit Bier und Badekappe beim Fotofestival La Gacilly in Baden © Florian Czech

Andrea Altemüller ist freischaffende Fotografin in Wien und hat dort Grafik und Fotografie studiert. Ihr Buch „Swimming Pools“ ist 2007 bei Rupa Publishing erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich. Einige Motive ihrer Pool-Serie findet ihr auf ihrer Website. Die Fotos sind als C-Prints und in verschiedenen Formaten und limitierten Auflagen erhältlich. Bei Interesse, für weitere Informationen und aktuelle Projekte schreibt Andrea gern an: andrea@altemueller.de.




Das Bild zeigt das Buch "Swimming Pools", das Fotos von Andrea Altemüller versammelt.

English version

The nearest sea is the pool


In North Rhine-Westphalia, the outdoor pool season started just a week ago. Perfect timing to talk to photographer Andrea Altemüller about her wonderful series "Swimming Pools".


Bahnenziehen: In our preliminary talk, you said that everything you do has to do with you personally. So what does the pool series have to do with you?

Andrea Altemüller: I grew up in Stuttgart and have always had a deep longing for the sea. For me as a child, the outdoor swimming pool was the closest to the sea. When I was in the water, you couldn't get me out, and when we went on vacation with the family by the sea, I was just happy.


And you compensated for this love by photographing swimming pools?

With me it is so that I do not search and plan topics. They come to me, they work in me and at some point they are ripe and then the first picture is created. And then I dream a lot.


You dream about pools?

Before I started the swimming pool series in 2003, the years before that I was constantly dreaming about water. Of walks by the sea, of swimming in it, also of tsunamis. I was studying in Vienna at the time and photographed swimming pools, at that time still with people. But that became more and more complicated due to personal rights. And so I decided to shoot deserted pools. I find this world simply fascinating.


What do you like about it?

The squeakiness, the colors, the liveliness. Back then in Vienna I did a report on the Gänsehäuflbad, a more than 100-year-old bathhouse. There are so-called cabanas, a kind of allotment garden cottage that you can rent for the season and even sleep in. The kitsch there was overwhelming and the whimsical ambiance along with the people was very inspiring to me. Some pools are also like theater sets to me. And some are just beautiful graphically. The tiles, the lines, the structures, the colors - just brilliant!


You stayed true to your theme for four years.

Exactly. In 2003, I decided to make a series out of it, researched baths all over the world and chose the ones I found interesting. One of my first stops took me to Zurich, to the Utoquai baths and the Stadthausquai women's baths. The baths are from the 50s, some from the 20s, you are taken back in time by the architecture - wonderful! In certain pictures, for example of a changing room in the Utoquai baths, I get the typical smell of chlorine in my nose or can hear the screaming of children. It's as if I had internalized the sounds, the scent and the mood during my stays there. I sold the series very well. I think that also has to do with the fact that baths evoke fond memories of childhood for many people.


I think so, too. For me, outdoor pools in particular are associated with a feeling of lightheartedness.

That's how it was for me, too. But I also love the squeakiness. The swimming hoops, the plastic animals, then again this purity of colors, the blue tones. When a sparkle appears, depending on how the sun falls on the water. It's like magic.


Your pool series began in 2003 and ended in 2007. Did you ever get bored with the subject?

No, not at all. But as themes come to me, they also dissolve at some point. In 2006, I photographed a pool in Italy, behind which the sea stretched out. In this way, the infinite expanse of the sea replaced the limited space of the pool, so to speak. I took up the connection between the sea and the pool again in São Paulo, and at some point I realized that the swimming pools were thus closed for me.

With a flowing transition, the series "In space & time" and "horizons" were created, seascapes that deal with transience and infinity. I will continue these series until the end of my life on extraordinary beaches of this world.


What is it like for you today when you discover a great pool?

Of course I can't just walk by, that's not possible. I take photos, but more for myself personally and not as a continuation of the series. In 2007, the book "Swimming Pools" was published by Rupa Verlag, and for that I had a big exhibition in Munich. People were very enthusiastic and I was very lucky, because almost all exhibited photos were sold. There are still some pictures left, because they are limited editions.


What motivates people to hang a photo of a swimming pole?

We practically come from the water, from our mother's belly. It's a primal instinct, a deep-seated longing. I think it has to do with that. Bill Kouwenhoven put it this way in my book: 'The swimming pool in the small is the sea in the big. It stands for longing itself, boundless as the ocean.' I think that sums it up very well.




Andrea Altemüller studied graphic design and photography in Vienna. She lives in Vienna as a freelance photographer. Her book "Swimming Pools" was published in 2007 and is only available as an antiquarian. Some motifs of her pool series can be found on her website. The photos are available as c-prints and in different formats and limited editions. If you are interested, for further information and current projects please write Andrea directly to: andrea@altemueller.de.