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Buchtipp: The Chronology of Water

Autorenbild: Anette Frisch
Anette Frisch
vor 12 Minuten
5 Min. Lesezeit

Die Amerikanerin Lidia Yuknavitch hat bereits 2010 ihre Memoiren geschrieben. Ich habe sie erst jetzt entdeckt. Ein sprachlich und literarisch zutiefst tolles Buch, das nicht nur übers Schwimmen erzählt, sondern auch darüber, wie wir unser Leben erzählen.



Das Buch The Chronology of Water liegt auf Sand


Worum geht’s?

The Chronology of Water sind die Memoiren der amerikanischen Schriftstellerin Lidia Yuknavitch. Anders als der Titel es vermuten lässt, erzählt sie ihr Leben nicht chronologisch, sondern in zeitversetzten Fragmenten. Als Jugendliche war die heute 63-Jährige Leistungsschwimmerin, deshalb spielen Schwimmen und Wasser eine Rolle in ihren Erzählungen. In ihrer ersten Geschichte beschreibt Lidia Yuknavitch die Geburt ihrer toten Tochter. Das Ereignis ist wie ein Portal in ihr Leben, durch das uns die Autorin Einblicke in das Davor und Danach gibt. Das geschieht in kurzen Kapiteln, oft nicht länger als drei Buchseiten, mit einer ungewöhnlichen Metaphorik, experimentellen, aber unanstrengenden Satzkonstruktionen und einer Sprache, die das körperliche Erleben in den Mittelpunkt stellt.


Warum sollte mich das interessieren?

Weil es ums Schwimmen geht, unter anderem. Weil es um eine Art Urgefühl geht, sich im Wasser zu bewegen und davon umgeben zu sein, unter anderem. Weil es um die Lebensfrage geht: Was von dem, woran ich mich erinnere, ist wirklich geschehen? Und ist der, ohnehin unmögliche, Realitätsabgleich überhaupt wichtig, um das eigene Leben zu begreifen?

 

Ein weiterer Aspekt ist die literarische und poetische Magie ihres Erzählstils. Lidia Yuknavitch entwickelt Allegorien, die sich behutsam entfalten und dich dahinschmelzen lassen; und sie schreibt Sätze, die weh tun und vor denen du zurückgeschreckt wärst, hätte sich nur der Gedanke daran angeschlichen. Bei allem zielt ihre Sprache nicht auf den Intellekt, sondern auf den Körper, besser: auf den Leib. Sie möchte das wir ihre Zeilen sinnlich lesen und erfahren, so interpretiere ich das.



"Im Wasser wie in Büchern kann man sein Leben hinter sich lassen.“

Lidia Yuknavitch 




Was hat es mit mir zu tun?

Jede Menge ... Nun, dass wir beide Schwimmerinnen sind, ist ein naheliegender Grund. Ich habe schon viele Bücher über das Thema gelesen, und immer wieder eröffnen mir Autorinnen neue Sichtweisen, die ich so noch nicht gelesen habe, aber nachempfinden kann. So auch bei Lidia Yuknavitch. Beispielsweise wenn sie beschreibt, was sie unter Wasser sieht, wenn sie in einem Pool ihre Bahnen zieht.

 

Es ist ja nicht so, als würden wir hochkonzentriert durchs Wasser pflügen und dabei nichts außer unseren Atem wahrnehmen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir beobachten, mit jeder Bahn setzen wir die Puzzleteile aus Farben, Formen und Bewegungen zusammen, wir erfinden Geschichten über Schwimmer*innen, denen wir im Wasser wieder und wieder begegnen.

 

Abgesehen davon begeistert mich bei The Chronology of Water die klare, kraftvolle Sprache und die schönen literarischen Einfälle. Angefangen damit, das Leben abseits linearer Vorstellungen in Fragmenten zu erzählen, aus unterschiedlichen Perspektiven. Aus dem Blick einer Frau, die erlebt, die das Erlebte infrage stellt, die das Erlebte seziert.


Da gibt es zum Beispiel das Kapitel, in dem die Autorin verhältnismäßig nüchtern das Ende ihrer zweiten Ehe schildert. In dem darauf folgenden Kapitel gibt sie dem Ereignis eine andere Erzählstruktur und schreibt buchstäblich ohne Punkt und Komma über die Trennung. So, als würde sie abermals durch die Katastrophe rauschen, die das Ende der Beziehung emotional, körperlich und gesellschaftlich für sie bedeutete.

 

Wie wir unser Leben erzählen, kann Sprache auf ganz unterschiedliche Weise tun viel Vertrauen schenken wir ihr, der Sprache, wie verlässlich ist sie?


In einem Interview, das die englischen Buchausgabe ergänzt, sagt Lidia Yuknavitch dazu: "In writing, every narrative and linguistic choice you make forecloses others, directs the story a certain way, focuses on a particular image, extends a methaphor that on another day, you might have chosen differently".


Was mir außerdem sehr gut gefallen hat, ist, dass Lidia Yuknavitch das Physische in den Mittelpunkt von Erfahrungen stellt und ihre Sprache diese Körperlichkeit vermittelt. Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das das leibliche Erleben vor die Abstraktion stellt. Erst wird gelebt, dann wird gedacht. Erst wird gesoffen, dann geht’s ans Ausnüchtern, um gleich wieder den nächsten Kick zu haben, den nächsten Drogenrausch, den nächsten Sexexzess, den nächsten Tanz mit dem Todestrieb, der Yuknavitch als junge Frau begleitet.

 

Warum das so ist, das beantwortet das Buch natürlich auch: Missbrauch durch den Vater, Gewalt, eine alkoholkranke Mutter, Yuknavitch selbst von ihrer Bisexualität hin- und hergerissen.

 

Das wäre ein vereinfachter narrativer Kontext. Doch hinter der Feststellung stecken viele Geschichten, sagt Yuknavitch in einem Interview. Die Zuschreibung "alkoholkranke Mutter" ruft bereits bestimmte Vorstellungen auf: davon, was Krankheit ist, wie sie verläuft und wie Heilung auszusehen hat. Vorstellungen und Normen, auf die sich Wissenschaft und Gesellschaft geeinigt haben und die von wirtschaftlichen Interessen manifestiert werden.

 

Lidia Yuknavitch: „There is a history to the mythos about addiction in the country – we’ve always burned witches – but I think the potent turning point was probably the establishment and codification of A.A. in this country. And the subsequent nationalized embrace of the general prinicples of the American Medical Association (A.M.A.) and the American Psychiatric Association and the bible of the Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders  – that each of these defines illnesses and curses. Not to mention religion’s role in the false narrative of redemption. Now a whole industrial complex exists to serve the addiction narrative, along with a handy pharmaceutical empire.“


„Der Mythos rund um Sucht hat in diesem Land eine Geschichte – wir haben schon immer Hexen verbrannt –, aber ich glaube, der entscheidende Wendepunkt war wahrscheinlich die Gründung der Anonymen Alkoholiker und die verbindliche Festlegung ihrer Grundsätze. Und danach die landesweite Übernahme der allgemeinen Prinzipien der amerikanischen Ärztevereinigung und der amerikanischen Fachgesellschaft für Psychiatrie sowie der Bibel namens Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen: Sie alle definieren Krankheiten und Flüche. Ganz zu schweigen von der Rolle der Religion in der falschen Erzählung von Erlösung. Heute existiert ein ganzer Industriekomplex, der der Erzählung von Sucht dient – mitsamt einem praktischerweise verfügbaren Pharmaimperium.“ (Übersetzung ins Deutsche durch KI)

 


Über die Autorin

Lidia Yuknavitch ist eine amerikanische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie hat mehrere Romane geschrieben und für The Chronology of Water in den USA mehrere Preise gewonnen. Kreatives Schreiben hat sie unter anderem bei Ken Kesey ("Einer flog über das Kuckucksnest") gelernt; zudem ist sie von Kathy Acker beeinflusst, mit der sie gemeinsam schwimmen ging. Lidia Yuknavitch liebt Frauen und Männer und war bereits dreimal verheiratet – ausschließlich mit Männern.


Die Schauspielerin Kristen Stewart verfilmte The Chronology of Water. Ihr Regiedebüt kam Anfang des Jahres in die deutschen Kinos. Ich habe den Film bisher nicht gesehen.


Kostprobe

The day my daughter was stillborn, after I held the future pink and rose-lipped in my shivering arms, lifeless tender, covering her face in tears and kisses, after they handed my dead girl to my sister who kissed her, then to my first husband who kissed her, then ot my mother who could not bear to hold her, then out of the hospital room door, tiny lifeless swaddled thing, the nurse gave me tranquilizers and a soap and a sponge. She guided me to special shower. The shower had a chair and the spray came down lightly, warm. She said, "That feels good, doesn't it?" The water. She said, "you are still bleeding quite a bit. Just let it." Ripped from vagina to rectum, sewn closed. Falling water on a body. I sat on the stool and closed the little plastic curtain. I could hear her humming. I bled, I cried, I peed, and vomited. I became water. Finally she had to come back inside and "Save me from drowning in there." It was a joke. It made me smile.

Lidia Yuknavitch, "The Chronology of Water", published 2020 in paperback by Canongate Books, 291 pages. 17,99 Euro. Auf Deutsch ist "The Chronology of Water" unter dem Titel "In Wasser geschrieben" bei Penguin erschienen. 14 Euro

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