• Anette Frisch

Stiller lesen

Ein Beitrag von mir, den ich für das allemal umwerfende Online-Portal Palais Fluxx - Leuchten für Fortgeschrittene geschrieben habe. Es geht in der Rubrik "I am what I am because of this book" um nicht weniger als um das Buch des Lebens. Meine Wahl fällt auf "Stiller" von Max Frisch. Wer sich fragt, was das mit Schwimmen zu tun hat erhält die Antwort gleich im ersten Absatz.


Das Taschenbuch Stiller von Max Frisch im Bücherregal vor Schwimmliteratur.
Stiller ist als Taschenbuch im Suhrkamp-Mittelblau erschienen.

Mein Name ist Anette Frisch. Ich würde gern behaupten, ich sei entfernt mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch verwandt. Und, dass man das daran erkenne, dass wir beide schreiben und das Schwimmen lieben. Aber ich befürchte, es stimmt nicht. Max Frisch hat nicht nur geschrieben, er war auch Architekt und hat Schwimmbäder gebaut. Ich war allerdings noch in keinem von ihnen schwimmen, leider. Auch in die Schweiz reise ich äußerst selten und von meinen möglichen entfernten Verwandten hat sich noch keiner bei mir gemeldet.

Es ist aber in jedem Fall schön, dass mein Lieblingsbuch ausgerechnet von Max Frisch ist. Es ist sein Roman „Stiller“, den er 1954 geschrieben hat, drei Jahr vor Homo Faber. Wir haben das Buch in der Oberstufe im Deutschunterricht gelesen. Genau genommen von März bis April 1983. Das weiß ich, weil ich die Daten mit rotem Filzstift ins Buch geschrieben habe. Ich war 17 Jahre alt.


Ich war Stiller!

In „Stiller“ geht es um einen Mann, um die 40, der aus Amerika in die Schweiz einreisen möchte. In seinem Pass steht, dass er James Larkin White ist. Die Grenzbeamten aber erkennen in ihm den Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller, der als verschollen gilt. Und obwohl immer mehr Indizien dafürsprechen, dass er der Verschollene ist, behauptet der, nicht Stiller zu sein. Die Geschichte wird wie ein Kriminalfall erzählt, bis zum Schluss weiß die Leserin nicht, ob James Larkin White lügt oder die anderen ihn verwechseln.



Die Klebung des Taschenbuchs hat sich mit den Jahren aufgelöst.
Das Buch lebt.

Wenn ich heute darüber nachdenke, warum mich dieses Buch so begeistert, dann stelle ich fest, dass die Frage nach der eigenen Identität immer noch eine zentrale Lebensfrage für mich ist. Wer ich bin? Wer ich sein kann? Wen sehen andere in mir? Wie weit kann ich mich verwandeln? Die sein, die ich sein möchte? Wo komme ich an Grenzen, weil andere denken, ich sei die, die sie in mir sehen? Wo ich doch eine ganz andere bin…


Ich habe den Roman damals gefressen. Ich war Stiller! Dann schrieben wir eine Klausur darüber. Ich habe mich in diesen vier Schulstunden in einen Interpretationsrausch begeben. So eine Freude hatte ich beim Schreiben noch nie und in einem Zustand glücklicher Erschöpfung gab ich die Arbeit ab. Ich bekam sie zurück. Von meinem Deutschlehrer Herrn H., der seine jovial anmutende Überheblichkeit aus zwei Umständen zog: Er entstammte der 1968er-Generation, die mit einer unbegründeten Selbstverständlichkeit davon ausging, mit jungen Menschen „zu können“. Heute würde man sagen: auf Augenhöhe zu sein. Außerdem war sein Bruder ein Kabarettist, der eine gewisse lokale Bekanntheit erreichte hatte. Das machte den jüngeren stolz und gab seinem trüben Lehrerdasein an einem Gymnasium in der Provinz ein wenig Glamour.


Ich schmeiße meine junge Wut an seinen alten Kopf

Damals war es üblich, dass die Schülerinnen und Schüler nach vorn ans Pult gerufen wurden, um die Klausur entgegenzunehmen. Der Lehrer lächelte entweder wohlwollend oder vermied den Blickkontakt, strafend. Natürlich, so viel Lob und Scham muss sein, wurde die Note laut bekanntgegeben. Herr H. also rief mich auf, zumindest lächelte er mir ein wenig mitleidig entgegen. „Anette, befriedigend.“ Unbefriedigender hätte die Note für mich nicht sein können. Ich merkte, wie traurig mich das machte und auch: wie wenig gesehen ich mich fühlte. Wie konnte es sein, dass ein Lehrer nicht mitbekam, wie bedeutend einem ein Buch sein kann? Herr H. hatte es sehr wohl mitbekommen. Am Ende der Arbeit stand Folgendes: „Inhaltlich sind Ihre Ausführungen herausragend und ein sehr gut wert. Sprachlich allerdings erreicht sie nicht das Niveau. Deshalb: befriedigend +. Weiter so!“

Bis heute lebe ich in der Fantasie, dass ich Herrn H. begegne – was möglich sein kann, weil er vielleicht noch in Düsseldorf lebt. Ich treffe ihn also und schmeiße meine junge Wut an seinen alten Kopf. Baaaammmm!


Ich habe „Stiller“ nicht noch einmal gelesen. Warum? Vielleicht, weil ich das Gefühl nicht verlieren möchte, das mich mit dem Roman verbindet.


Der Beitrag ist im November 2020 bei palais fluxx erschienen.