• Anette Frisch

Der Kanalschwimmer

Aktualisiert: März 1


Lesetipp: Der kleine Roman "Kanalschwimmer" von Ulrike Draesner über einen Mann, der von England nach Frankreich schwimmt, und dabei sein Liebesleben sortiert.


Charles, 60, verliert seine Frau Maude an seinen besten Freund. Die drei kennen sich seit Jahrzehnten, aber erst jetzt trifft sie diesen Entschluss. Der eng an eine Tragödie gekoppelt ist, die sich im frühen Leben der drei ereignet hatte. Charles schwimmt durch den Ärmelkanal und versucht im Sog der kräftezehrenden Strömung Vergangenheit und Gegenwart zu verarbeiten.


Es ist spannend, wie Ulrike Draesner ihre Geschichte um die Frage strickt, ob Charles die Überquerung schafft. Trotz aufkommenden Sturms, Übelkeit, Halluzinationen. Immer wieder unterbrochen mit Szenen, die die Freunde zusammen- und letzlich auseinandergeführt hat.


Ich fand die Beziehungskonstellationen manchmal zu viel, manchmal vielleicht etwas zu konstruiert. Was mir gefallen hat waren vor allem zwei Dinge: Die bildhafte, teilweise poetische Sprache von Ulrike Draesner. Und das spannende und detailreich beschriebene Schwimmen. Ich konnte es kaum erwarten bis die Versatzstücke um den Liebesreigen unterbrochen wurden, durch lange Passagen, in dem sich Charles durch die Strömung kämpft.


Außerdem habe ich viel Neues erfahren: Zum Beispiel, dass täglich durchschnittlich drei Menschen den Mount Everest besteigen, was aufs Jahr hochgerechnet 1.095 Personen sind. Während jährlich aber nur 80 Schwimmer*innen versuchen, den Ärmelkanal zu durchqueren. Oder, dass zwischen Frankreich und England, ungefähr in der Mitte, eine riesige Müllhalde schwimmt, in der scharfkantige Bleche treiben, die die Sportler*innen verletzen können. Und, dass viele Schwimmer*innen trotz ihres Trainings kurz vor dem Ziel sterben. Meist an einem Herzinfarkt.


Buchtipp: Ulrike Draesner, Kanalschwimmer, mareverlag Hamburg, 2019; 174 Seiten, 20 Euro